Zuger Attentat
So erlebten Polizisten und Feuerwehrleute den Anschlag: «Ich glaubte zuerst an eine Übung»

André Widmer war am Tag des Attentats in Zug als Polizist im Einsatz, Benny Elsener als Feuerwehrmann. Auch sie waren Betroffene.

Marco Morosoli und Harry Ziegler
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Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei am 27. September 2001 im Einsatz vor dem Zuger Regierungsgebäude.

Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei am 27. September 2001 im Einsatz vor dem Zuger Regierungsgebäude.

Bild: Ana Cruz

André Widmer (56) erinnert sich: «Am Tag des Zuger Attentats arbeitete ich als Verkehrsinstruktor bei der Stadtpolizei Zug. Ich weiss noch, dass ich mich im Haus Zentrum an der Zeughausgasse befand, als die Meldung über einen Feueralarm kam.»

Nachdem klar war, dass der Alarm im Regierungsgebäude ausgelöst worden war, sei er zum Einsatzort gerannt. «Ich wies die eintreffenden Feuerwehrautos ein. Derweil sind verletzte Menschen aus dem Regierungsgebäude gerannt. Kurze Zeit später traf auch die Kantonspolizei beim Regierungsgebäude ein», schildert Widmer die damalige Lage.

Ähnlich hat dies auch Benny Elsener (62) erlebt. «Ich war an diesem Tag im Feuerwehrgebäude, als ein Alarm einging. Explosion im Heizungsraum des Regierungsgebäudes hiess es», erinnert sich der ehemalige Feuerwehroffizier. Er sei zusammen mit Kollegen im Einsatzleitfahrzeug ausgerückt.

«Wir waren mit dem ersten Feuerwehrfahrzeug vor Ort. Ich dachte zuerst an eine Übung», sagt Elsener. Dies, weil sich bei seiner Ankunft bereits Verletzte aus dem Kantonsratssaal auf der Treppe zum Regierungsgebäude befanden. «Ich dachte noch, die Figuranten sehen aber echt aus. Bis uns klar wurde, dass dies real war.»

Traurige Gewissheit für eine Bekannte

Für André Widmer stellte sich die angetroffene Situation in den ersten Momenten ebenfalls verwirrend dar. Er sagt: «Immer wieder traf ich auf aufgebotene Spezialisten, die davon ausgingen, dass es eine Übung war. Dies auch, weil sie es nicht für möglich hielten, was an diesem verrückten und traurigen Tag im Regierungsgebäude geschah.» Doch es kam noch schwerer, so Widmer.

«Eine mir bekannte Person sagte mir, dass sie noch nichts von ihrer Mutter, die Kantonsrätin war, gehört habe. Ich ging dann ins Regierungsgebäude hinein. Dabei kreuzte ich eine Person. Sie sagte mir nach meiner Erinnerung: ‹Ihr müsst aufpassen. Das, was ihr seht, ist hart.›» Widmer gelang es, die gesuchte Person zu finden.

«Die Bilder, die ich dabei gesehen habe, brannten sich in meine Seele ein.»

Widmer ist danach wie in Trance zu seiner Bekannten gefahren, um ihr die schreckliche Botschaft zu überbringen. Nach einer zweiwöchigen Auszeit kehrte Widmer wieder in seinen angestammten Beruf zurück. «Aber in einer gewissen Weise veränderte mich das Ereignis. Ich stiess auf meine soziale Ader. Ich durfte mithelfen, ein Care-Team bei der Polizei aufzubauen.»

Er arbeitete auch an der Polizeischule Hitzkirch, wechselte aber 2017 zu Triangel, einer Institution, die Beratungen für Menschen in schwierigen Lebenssituationen anbietet. Widmer erklärt: «Das Schlüsselerlebnis war das tragische Attentat vom 27. September 2001. Die Umorientierung hat aber auch damit zu tun, dass ich gemerkt habe, dass ich nicht der Grösste und der Stärkste war.»

Am Jahrestag werden die Gräber der Verstorbenen sowie die Gedenkstätte beim Regierungsgebäude auch dieses Jahr mit Blumen geschmückt. Und die Zuger Fahne auf Halbmast gesetzt.

Am Jahrestag werden die Gräber der Verstorbenen sowie die Gedenkstätte beim Regierungsgebäude auch dieses Jahr mit Blumen geschmückt. Und die Zuger Fahne auf Halbmast gesetzt.

Bild: Werner Schelbert

«Irgendwann funktionierst du nur noch»

Benny Elsener, als Offizier der Freiwilligen Feuerwehr Zug (FFZ) koordinierte mit der Einsatzleitung den Einsatz vor dem Regierungsgebäude. Sein Offizierskollege, Beni Stadlin, der in der gegenüberliegenden Zuger Kantonalbank arbeitete, hatte bereits die Lage rekognosziert.

«Über Funk bekamen wir nach und nach das ganze Ausmass mit.»

Er habe sich im Kantonsratssaal einen Überblick verschafft, um die Arbeit vor dem Gebäude koordinieren zu können. «Wir haben gemerkt, dass alle Rettungssanitäter bei den Verletzten beschäftigt waren. So haben sich Feuerwehrleute hinter die Steuer der Ambulanzen gesetzt und die Verletzten in die Spitäler gefahren.» Für Elsener und seine Kolleginnen und Kollegen stand die Bergung und Versorgung der Verletzten im Vordergrund. In so einem Augenblick helfe das immer wieder eingeübte Verhalten.

«Irgendwann funktionierst du nur noch, keine Emotionen.»

Besonders heftig sei für ihn und seine Feuerwehrleute gewesen, dass sie die Verletzten und Toten gekannt haben. Einen Bekannten beim Sterben begleiten zu müssen, sei unglaublich schwer. Ihn habe das Attentat eines gelehrt: «Wir müssen einander Sorge tragen. Wir haben uns im Kanton alle vor 20 Jahren geschworen, Rücksicht zu nehmen, aufeinander zuzugehen, wertschätzend zu sein. Das leitet mich noch heute.»

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