Zuger Firma bringt alte Fabrik ins Rollen

Beim Bahnhof Zürich-Oerlikon wird die ehemalige Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) versetzt. Bis am Nachmittag liess sich das 80 Meter lange und 6200 Tonnen schwere Gebäude ohne Schwierigkeiten verschieben.

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Das Gebäude, angetrieben von zwei Hydraulikpressen mit einer Schubkraft von je 60 Tonnen, wird mit einer Geschwindigkeit von 3 bis 5 Metern pro Stunde bewegt. (Bild: Keystone)

Das Gebäude, angetrieben von zwei Hydraulikpressen mit einer Schubkraft von je 60 Tonnen, wird mit einer Geschwindigkeit von 3 bis 5 Metern pro Stunde bewegt. (Bild: Keystone)

Schulter an Schulter stehen sie, zücken ihre Mobiltelefone oder betrachten staunend das grosse Gebäude vor ihnen, die Schaulustigen, die an diesem Dienstag nach Oerlikon gekommen sind. Die Verschiebung des MFO-Gebäudes, diesen historischen Moment, möchten sie möglichst im Bild festhalten. Unüblich still ist es auf der Baustelle, nur die Güterzüge, die am nahen Bahnhof vorbeidonnern, sind lärmig. Das Publikum hat sich zu diesem Volksfest versammelt und stärkt sich an Verpflegungsständen, die extra für den Anlass aufgebaut worden sind.

Die Fabrik ist an seinem neuen Platz angekommen. (Bild: Keystone)
33 Bilder
Ein Bild fürs Album: Die Verschiebung ist geschafft. (Bild: Keystone)
Nach der Verschiebung prosten sich die Mitarbeiter zu. (Bild: Keystone)
Ballone steigen in den Himmel: Die Fabrik ist am Ziel. (Bild: Keystone)
Nach rund 17 Stunden ist die Fabrik verschoben. (Bild: Keystone)
Die Oberägerer Firma Iten AG war für die Verschiebung verantwortlich. (Bild: Keystone)
Hunderte Schaulustige verfolgten die Verschiebung beim Bahnhof Oerlikon. (Bild: Keystone)
Genau hier muss das Haus hin. (Bild: Keystone)
Zeugen harter Arbeit. (Bild: Keystone)
Die Bilder zeigen die Verschiebung am Dienstag vor dem Start (oben), am Dienstagabend um 18.30 Uhr (Mitte) sowie am Mittwochmittag um 13.30 Uhr. (Bild: Keystone)
Die Bilder zeigen die Verschiebung am Dienstag vor dem Start (oben), am Dienstagabend um 18.30 Uhr (Mitte) sowie am Mittwochmittag um 13.30 Uhr. (Bild: Keystone)
Bild: Keystone
Rolf Iten von der Iten AG aus Obergägeri ist für die Verschiebung verantwortlich. (Bild: Keystone)
Während der Verschiebung kriecht ein Arbeiter unter dem Haus hervor. (Bild: Keystone)
Nass bis auf die Haut: Die Arbeiter trotzten am Mittwoch starkem Regen. (Bild: Irene Troxler / NZZ)
Die Bilder zeigen die Verschiebung am Dienstag vor dem Start (oben), am Dienstagabend um 18.30 Uhr (Mitte) sowie am Mittwochmittag um 13.30 Uhr. (Bild: Keystone)
Bild: Keystone
Bild: Keystone
vorher - nachher (Bild: Keystone)
vorher - nachher (Bild: Keystone)
Langsam wird das alte Fabrikgebäude verschoben. (Bild: Stefan Kaiser)
Die Verschiebung des Fabrikgebäudes ist ein kleines Volksfest. (Bild: Keystone)
Die Verschiebung des Fabrikgebäudes ist ein kleines Volksfest. (Bild: Stefan Kaiser)
Das Fabrikgebäude steht direkt beim Bahnhof Oerlikon. (Bild: Stefan Kaiser)
Zahlreiche Zuschauer verfolgen die Verschiebung des Fabrikgebäudes. (Bild: Stefan Kaiser)
Kinder der Klasse 2a der Schule Hofmatt in Oberägeri machen sich ein Bild von der Verschiebung. (Bild: Stefan Kaiser)
Kinder der Klasse 2a der Schule Hofmatt in Oberägeri machen sich ein Bild von der Verschiebung. (Bild: Stefan Kaiser)
Mit Hilfe von Hydraulik wird das Fabrikgebäude veschoben. (Bild: Keystone)
Langsam rollt das alte Fabrikgebäude an seinen neuen Standort. (Bild: Keystone)
Letzte Vorbereitungsarbeiten. (Bild: Keystone)
Die Schienen sind verlegt - alles ist bereit. (Bild: Keystone)
Bild: Keystone
Bild: Keystone

Die Fabrik ist an seinem neuen Platz angekommen. (Bild: Keystone)

Der Startschuss für das Projekt fällt um 11 Uhr. Der Zürcher Hochbauvorsteher André Odermatt (SP), Bauunternehmer Rolf Iten und Peter Lehmann von der Swiss Prime Site drücken gemeinsam einen Knopf, gleichzeitig ertönt ein Böllerschuss.

Viele Hindernisse überwunden

«Wir haben Liegenschaften gebaut und gekauft, aber noch nie ein Gebäude auf Schienen in unser Portfolio gerollt», sagt Peter Lehmann, Investitionschef bei der Immobilienfirma Swiss Prime Site. Bis aus dem Wunsch, das MFO-Gebäude zu erhalten, Wirklichkeit geworden sei, sei viel Zeit vergangen. Hindernisse hätten überwunden werden müssen. Diese seien beispielsweise rechtlicher Art gewesen, da das Schweizerische Zivilgesetzbuch den Akt der Hausverschiebung gar nicht kenne. Auch technisch sei das Projekt schwierig, hält Lehmann fest.



Das weiss niemand besser als der Zuger Rolf Iten. Sein Bauunternehmen aus Morgarten versetzt seit Jahrzehnten in der ganzen Schweiz Gebäude. Seit August 2011 sind zwischen 15 bis 30 Angestellte mit den Vorbereitungen beschäftigt, noch bis im Mai haben die Bürobewohner und Restaurantfachkräfte das MFO-Gebäude benützen können.

«Röuelli dra u la loufe, nüd dranne mache u när go Znüni näh» zitiert Iten den Mundartsänger Endo Anaconda. Pro Stunde, rechnet er vor, soll das Gebäude fünf Meter zurücklegen. «Das Schneckentempo gewährleistet, dass das Haus keinen Schaden nimmt.» Sehr einfach stellt sich diesen Prozess Leon Iten vor. Der 8-jährige Sohn des Bauingenieurs hat ein Haus auf zwei Rädern gezeichnet – und dahinter Männer, die kräftig daran schieben.

Tatsächlich wird das Gebäude von mehreren Hydraulikpressen angeschoben, die zwischen zwanzig und sechzig Tonnen bewegen können. Sie haben die Kraft, die 1000 Personen gleichzeitig stemmen könnten. Insgesamt müssen die Maschinen das Gebäude um 60 Meter verschieben.

Im besten Fall bleibe das Gebäude nach 15 Stunden an seinem neuen Standort stehen, sagt Bauingenieur Rolf Iten. Die grössten Risiken seien Abweichungen der Verschubrichtung oder Absenkungen des Gebäudes. Jeder Millimeter wird von einer computergesteuerten Schlauchwaage überwacht, die bis auf 0.5 Millimeter genau aufzeichnet. Bis am frühen Abend sind keine Unregelmässigkeiten aufgezeichnet worden.

Zeitzeuge der Oerliker Industrie

«Eine gute Reise», wünschte der Zürcher Stadtrat und Hochbauvorsteher André Odermatt (sp.) dem Gebäude an einer Medienkonferenz vor dem Beginn der Verschiebung. Dadurch, dass das MFO-Gebäude erhalten bleibe, zeige sich aber, dass «der Wille Häuser versetzen kann». Das Bauwerk sei ein Symbol dafür, was möglich sei, wenn man sich gemeinsam für eine Sache einsetze. «Man kann sprachliche und physikalische Gesetzmässigkeiten ausser Kraft setzen», sagte Odermatt. Das über 120 Jahre alte Gebäude werde eine «Landmarke» des Quartiers Neu-Oerlikon, ein Stück Vergangenheit werde in die Zukunft geführt.

Das MFO-Gebäude muss verschoben werden, weil die SBB Platz für zwei neue Gleise der Durchmesserlinie benötigen. Die Verschiebung kostet insgesamt rund zehn Millionen Franken, einen grossen Teil davon übernimmt die Swiss Prime Site. Sie ist die neue Eigentümerin des Gebäudes, davor gehörte es dem Industriekonzern ABB.

Das Projekt ist die grösste Gebäudeverschiebung Europas. Das Haus sollte ursprünglich dem Erdboden gleichgemacht werden. Dagegen wehrte sich eine Gruppe von Ortsansässigen, Politikern und ein Industrieverein, bis die ABB in letzter Minute doch noch einwilligte. Der Backsteinbau wurde 1889 erstellt und diente als Verwaltungssitz der Maschinenfabrik Oerlikon. Es ist einer der letzten Zeitzeugen der Oerliker Industrie.

jwl/rem