Zuger Gericht bestraft Bijouterie-Räuber nachträglich milder

55 statt 72 Monate – das Obergericht reduziert die Strafe für einen der drei Männer, die 2014 eine Zuger Bijouterie ausgeraubt haben.

Kilian Küttel
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Wie er da im Anzug steht, macht er einen seriösen Eindruck. Womöglich ist der Mann Anfang 20, der soeben an der Tür geklingelt hat, ein Kunde auf der Suche nach einer Uhr oder einem Schmuckstück. Es ist der 4. November 2014, ein Dienstagnachmittag, etwa 14.25 Uhr als der Inhaber die Tür zu seiner Bijouterie öffnet und der Mann im Anzug seine wahren Absichten zeigt: Kaufen will er nichts. Er stürmt hinein, packt den 63-jährigen Geschäftsinhaber mit der linken Hand an der Kehle, drückt ihn an die Wand. Die Pistole in der rechten Hand zielt auf die Brust des Juweliers. Was dieser nicht weiss: Die Waffe ist bloss eine Attrappe.

Unvermittelt hetzen zwei andere in den Laden, die sich bis jetzt versteckt gehalten hatten. Statt Anzügen tragen sie Kapuzenpullis, Tücher verhüllen ihre Gesichter. Mit einem Geissfuss brechen sie die Vitrinen auf, Luxusuhr um Luxusuhr werfen sie in zwei schwarze Taschen: «Breitling», «Rolex», «Ulysse Nardin». Hochpreisware, 310663 Franken Gesamtwert. In der Zwischenzeit hat der Mann mit der falschen Pistole den Geschäftsinhaber ins Hinterzimmer gebracht, gefesselt, geknebelt.

Täter sprayte Bijoutier Reizgas ins Gesicht

Wenige Tage nach dem Überfall wird der Juwelier zu unserer Zeitung sagen: «Ich bin jetzt seit 36 Jahren Bijoutier, und ich muss sagen – so etwas habe ich noch nicht erlebt» (Ausgabe vom 9. November 2014). Doch mit Fesseln und Knebeln nicht genug: Bevor sich die drei aus dem Staub machen, sprüht der Mann im Anzug dem Juwelier etwas ins Gesicht. Was es ist, wird der Zuger später nicht genau sagen können, womöglich war es Tränengas.

Von «Reizgas», schreibt die Zuger Staatsanwaltschaft fast fünf Jahre später, als sie am 17. September 2019 Anklage gegen den 1991 geborenen Litauer erhebt. Das Zuger Strafgericht verurteilt ihn am 6. März 2020 zu sechs Jahren Freiheitsstrafe; wegen Sachbeschädigung und qualifizierten Raubes. Die Täter, allesamt Kriminaltouristen, seien professionell vorgegangen, hätten hinterlistig, kühn und unverfroren gehandelt, so das Strafgericht. Und, wichtig, weil in der Folge umstritten: «Insgesamt offenbart die Täterschaft (...) ihre besondere Gefährlichkeit.»

Denn das sieht das Obergericht des Kantons Zug anders, wie aus einem Urteil vom 18. August hervorgeht, das seit kurzem öffentlich ist. Die drei Oberrichter heissen der Berufung des Beschuldigten teilweise gut. Mit seinem Überfall am 4. November 2014 habe sich der Mann lediglich des Raubes, nicht jedoch des qualifizierten Raubes schuldig gemacht, wie dies das Strafgericht noch entschieden hatte.

Obergericht spricht von Zurückhaltung

Was, wie meistens in der Juristerei, nach Spitzfindigkeiten riecht, bedeutet im konkreten Fall: Das Obergericht senkt die Freiheitsstrafe von ursprünglich sechs auf vier Jahre und sieben Monate. Für die qualifizierte Tatbegehung ist gemäss Artikel 140 Absatz 3 des Strafgesetzbuchs eine «besondere Gefährlichkeit» notwendig. Dazu heisst es im Urteil des Obergerichts: «Mithin steht auch fest, dass der Beschuldigte und seine zwei Mittäter durch die Art, wie sie den Raubüberfall vom 4. November 2014 in Zug (...) begingen, keine besondere Gefährlichkeit (...) offenbarten.» Die Tatbegehung der drei Räuber sei weder auffallend brutal noch besonders hinterhältig oder skrupellos gewesen. Zwar hätte der Beschuldigte sein Opfer «relativ hart angepackt», danach hätten die Täter aber keine übermässige Gewalt angewendet und den Geschäftsinhaber gar zurückhaltend gefesselt. Hinzu kommt: Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung soll Artikel 140 Absatz 3 zurückhaltend angewendet werden, da bereits der Tatbestand des Raubes eine gewisse Grundgefährlichkeit verlange.

Indem das Obergericht dem Beschuldigten in diesem Punkt recht gibt, feiert er einen kleinen Sieg. Wie viel ihm dieser bedeutet, ist unklar – besonders angesichts seiner aktuellen Lebenssituation. Der mittlerweile 29-jährige Litauer sitzt in der Justizvollzugsanstalt Hannover eine Freiheitsstrafe ab. Das dortige Landgericht hatte ihn wegen eines ähnlichen Delikts zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Einen Anzug wird er wohl eine Weile lang nicht mehr tragen.