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ZUGER IM KOSOVO: «Eine Erfahrung fürs Leben»

Auch Schweizer leisten bekanntlich ihren Beitrag zur Friedenssicherung auf dem Balkan – zum Beispiel der Morgartener Kevin Schuler oder die Zugerin Christina Omlin. Wir haben sie im Feldlager Prizren besucht.
Wachtmeister Kevin Schuler aus Morgarten arbeitet für die Swisscoy als Lastwagenfahrer. (Bild: Sibylle Omlin)

Wachtmeister Kevin Schuler aus Morgarten arbeitet für die Swisscoy als Lastwagenfahrer. (Bild: Sibylle Omlin)

Sibylle Omlin*

«Charlie, Hotel, wir verlassen gerade Pristina und nehmen die Autobahn Richtung Prizren.» Der Fahrer unseres Puchs meldet per Funk seine Position an das militärische Feldlager. Wir fahren über eine neue Autobahn in den Südwesten des Kosovos. Die Landschaft ist von sanften Hügelzügen und Fruchtflächen gezeichnet. Ein strahlend blauer Himmel über uns. Alles scheint friedlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier vor 16 Jahren ein erbitterter Krieg zwischen Serben und Kosovaren stattgefunden hat, mit ethnischen Säuberungen, Schändungen, Verstümmelungen an der Zivilbevölkerung auf beiden Seiten. Die Narben sitzen immer noch tief. Kommt man ins Gespräch mit den Menschen, bricht das Gespräch immer wieder ab, wenn man sich der Geschichte der Neunzigerjahre nähert. Die Traumata sind lange nicht bewältigt. Man senkt den Blick.

Junge verlassen das Land

Die politische Situation ist seit der Unabhängigkeitserklärung des Kosovos im Jahre 2008 unstabil. Die Serben anerkennen die Unabhängigkeit Kosovos nicht; sie wollen für ihre Minderheit im Norden des Kosovos einen Sonderstatus erwirken. Die Albaner wiederum machen ein klares Bekenntnis zu einem vereinten, unabhängigen Kosovo. Die Serben sollen sich künftig aus dem Kosovo heraushalten. Unaufgearbeitete Kriegsverbrechen und mafiöse Verbindungen zwischen Wirtschaft und Politik lähmen die junge Republik. Wer kann, geht. Tausende, vor allem junge, gut ausgebildete Kosovaren, verlassen das Land.

Seit der Krieg durch die Nato-Truppen in der Gegend beendet wurde, sorgt die Kosovo Force (Kfor) für ein sicheres und stabiles Umfeld und gewährleistet die Bewegungsfreiheit im ganzen Land. Der Kfor-Einsatz ist durch die UNO-Resolution 1244 geregelt. Die Truppe umfasst heute gegen 5000 Mann aus 31 Nationen – zehnmal weniger als 1999. Darunter befindet sich auch das Kontingent der Swisscoy. Seit Oktober 1999 beteiligt sich die Schweizer Armee an der internationalen friedensfördernden Mission im Kosovo. Die Swisscoy setzt sich aus bis zu 235 freiwilligen, mit den nötigen Waffen zum Selbstschutz ausgerüsteten Angehörigen der Schweizer Armee zusammen. Das Parlament hat im Frühling 2014 einer erneuten Verlängerung des Mandats bis Ende 2017 zugestimmt.

An drei Standorten stationiert

Die Swisscoy-Angehörigen sind seit Sommer 2012, abhängig von der Funktion, in drei verschiedenen Camps und vier Wohnhäusern stationiert. Der Stab, die Militärpolizei, das Minenräumungsteam, der militärische Nachrichtendienst sowie Teile der Übermittlung und Teile des Medical-Teams befinden sich im Hauptquartier der Kfor in Pristina. Die Supportkompanie, der Transportzug, der Bauzug sowie Teile der Übermittlung und ein kleines Team im Kfor-Einsatzlazarett gehören zum Feldlager Prizren. Zudem hat die Swisscoy das Oberkommando im Joint Regional Detachement North im Camp Marechal de Lattre de Tassigny in Novo Selo zwischen Pristina und Mitrovica, stellt den obersten Polizisten der internationalen Militärpolizei, ein Minenräumungsteam und ein Lufttransport-Detachement.

Tour durchs Feldlager

Wir kommen vor dem Tor des Feldlagers Prizren an. Wir klettern aus dem Puch und passieren die Sicherheitskontrollen: anmelden am Gate, Pässe zeigen, Sicherheitsschleusen, Handy abgeben, Pass abgeben. Die beiden Fahrer und Presseoffizier Christina Omlin der Swiss­coy salutieren und zeigen ihren an der Uniform angehefteten Ausweis.

Wir betreten das Feldlager und besichtigen die Logistikeinrichtungen der Swisscoy. Die in Zug aufgewachsene Swisscoy-Pressefrau Omlin, tätig im Hauptquartier der Kfor, begleitet die Tour. Was reizt sie an ihrer Aufgabe fern der Heimat? «Ich arbeite sehr gern in meinem angestammten Beruf, aber in neuem Umfeld – hier schätze ich vor allem den internationalen Austausch mit den italienischen und irischen Presse- und Informationsoffizieren der Kfor», sagt sie.

Gemeinsam besuchen wir vom Logistiklager und der Kantine alle Gebäude bis hin zur Krankenstation, wo «Tiger-Mama», die nette Pflegefachfrau, Oberwachtmeister Doris Ullrich, ihren Dienst tut und zurzeit vor allem kleine Unfälle und Erkältungen – eine Folge von ständigem Wechsel zwischen Klimaanlage und Bruthitze – verarztet.

Jede am Kfor-Einsatz beteiligte nationale Truppe bringt ihr eigenes Material in den Kosovo mit: Lastwagen, Mannschaftstransportwagen, gepanzerte Fahrzeuge, Waffen zur Selbstverteidigung, Infrastrukturgeräte, Ersatzteile, alles vom Druckerpapier bis zur letzten Schraube. Das Material ist in einem Container­system gelagert. Im Schweizer Teil des Feldlagers befindet sich sogar eine Post mit gelbem Schweizer Briefkasten und eine Bushaltestelle für ein Schweizer Postauto, die jedoch nur zur Dekoration dient.

Als Fahrer täglich unterwegs

Wachtmeister Kevin Schuler, Lastwagenfahrer aus Morgarten, dient seit April 2015 im Kontingent 32. Er führt uns in die Werkstatthalle, wo gerade verschiedene Fahrzeuge repariert werden. Die Swisscoy erbringt Leistungen im multinationalen Rahmen und ist dafür zur operationellen Zusammenarbeit mit anderen Kfor-Einheiten verpflichtet. Diese Leistungen umfassen unter anderem Transportaufträge mit Spezialfahrzeugen, Bauarbeiten für allgemeine Bauvorhaben der Kfor, Fahrdienste für die Liaison and Monitoring Teams (LMT) an den vier Standorten im Kosovo und für den Stab im Hauptquartier der Kfor in Pristina. Wir werden später am Tag noch in die Stadt Prizren fahren, um das Schweizer LMT im Wohnhaus in Prizren zu besuchen, wo weitere Schweizer Soldaten vor Ort stationiert und mit der lokalen Bevölkerung in ständigem Kontakt sind.

Wachtmeister Kevin Schuler ist täglich unterwegs, als Fahrer für Material und Personen; er führt Aushubarbeiten an einer Baustelle am Flughafen aus oder transportiert defekte Fahrzeuge. «Der Fahrstil im Kosovo ist etwas gewöhnungsbedürftig», sagt er. «Wir beobachten viele Unfälle der Zivilbevölkerung.» Warum hat er sich für den Dienst im Kosovo gemeldet? Kevin Schuler zögert keine Minute: «Es ist eine Erfahrung fürs Leben. Der Auslanddienst ist interessant. Ausserdem kann ich so etwas zur Stabilität dieser Region beitragen.»

Bauen mit Tempo

Auch der Innerschweizer Fachoffizier Tobias Ammann, der Architektur studiert hat, ist von seinem Einsatz im Kosovo überzeugt. Der stellvertretende Pionier-Zugführer ist Projektleiter im Bauwesen. Zu seinen Aufgaben im Kontingent 32 gehört es, die Kfor bei der Planung und Umsetzung von Instandhaltungs- und Neubauarbeiten im Hoch- und Tiefbau zu unterstützen. Die Projektierungs- und Bauleitungsaufgaben sind ungefähr die gleichen wie im zivilen Bauwesen, nur der Ablauf ist anders. «Die Dauer zwischen Planung und Ausführung ist viel kürzer, und das erhältliche Material weist teilweise massive Qualitätsmängel auf.» Auch Designaufgaben gehören mitunter zu seinem Einsatzgebiet: «Ich konnte für das Camp in Prizren einfache rezyklierbare Liegestühle aus Holz entwerfen und herstellen.» Etwas Komfort und Swiss Quality angesichts der harten Arbeit im Einsatz. Fachoffizier Tobias Ammann, der ein weiterführendes Studium für nachhaltiges Bauen absolviert, denkt, dass die Kfor mit ihrer Tätigkeit kleine Schritte im langen Prozess zu Stabilität und Zukunftsfähigkeit des Kosovos unternimmt. Er ist zum Teil auch kritisch gegenüber gewissen Prioritäten, die gesetzt werden. Was bringt mehr? Der Bau einer Autobahn oder die Sicherung von Regionalstrassen? Holz- oder Stahlbau? Die Investition in Tankstellen oder in die Bildung? Es sind solche Blickwinkel, die wohl die Region nachhaltig weiterbringen könnten.

* Sibylle Omlin arbeitete in den Neunzigerjahren als Redaktorin für unsere Zeitung. Heute lebt sie im Wallis und ist in Sierre Direktorin an der Ecole cantonale d’art du Valais. Ihr Dank geht an das Swisscoy-Team mit Christina Omlin, Cyrus Wagner, Emrah Beljulji, Kevin Schuler, Tobias Ammann und Berat Gerguri.

Die in Zug aufgewachsene Christina Omlin arbeitet bei der Swisscoy als Pressefrau. (Bild: Sibylle Omlin)

Die in Zug aufgewachsene Christina Omlin arbeitet bei der Swisscoy als Pressefrau. (Bild: Sibylle Omlin)

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