ZUGER JUSTIZ: «Entrümple nun meine Wohnung»

Für Ober­gerichtspräsidentin Iris Studer-Milz beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Sie hat das Zuger Rechtswesen während Jahrzehnten geprägt.

Interview Harry Ziegler
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Hat nun Zeit, um ihre Hobbys zu pflegen. Iris Studer-Milz war über 30 Jahre in der Zuger Justiz tätig. Zuletzt als Obergerichts­präsidentin. (Bild Stefan Kaiser)

Hat nun Zeit, um ihre Hobbys zu pflegen. Iris Studer-Milz war über 30 Jahre in der Zuger Justiz tätig. Zuletzt als Obergerichts­präsidentin. (Bild Stefan Kaiser)

Interview Harry Ziegler

Am 30. April hat Obergerichtspräsidentin Iris Studer-Milz zum letzten Mal die Bürotüre hinter sich geschlossen. Die 63-jährige Juristin war während über 30 Jahren in der Zuger Justiz tätig. Sie hat eine rasante Entwicklung nicht nur der Zuger Justiz, sondern auch des Kantons erlebt und begleitet. «Ich möchte die kommenden Monate einmal gar nichts mit Juristerei zu tun haben», sagt sie im Gespräch. Eines ihrer nächsten Ziele: Norwegen mit dem Motorrad bereisen.

Iris Studer, Sie überblicken über 30 Jahre Zuger Justiz. Was hat Sie in diesen Jahren besonders beeindruckt?

Iris Studer: Wenn ich so auf die 34 Jahre zurückblicke, sind es nicht die einzelnen Fälle, sondern vielmehr die unglaubliche und rasante Entwicklung in allen Bereichen, in der Gesellschaft, in der Technik, im IT-Bereich, die Globalisierung unserer Welt. All dies hat natürlich auch im Bereich der Justiz Einfluss gehabt.

Und menschlich, fachlich?

Studer: Besonders beeindruckt hat mich der erste vollamtliche Obergerichtspräsident, Dr. Hans Ulrich Kamer. Er war ein brillanter Jurist und Richter, dem wir es zu verdanken haben, dass im Kanton Zug die Gewaltentrennung seit über 20 Jahren tatsächlich auch eingeführt ist.

Das bedeutet konkret?

Studer: Die Justiz wurde verselbstständigt und ist nicht mehr von der zweiten Gewalt, das heisst vom Regierungsrat, abhängig. Das Obergericht übt im Bereich der Zivil- und Strafjustiz und das Verwaltungsgericht im Bereich der Verwaltungsjustiz die Selbstverwaltung aus, hat ein eigenes Antragsrecht im Kantonsrat, ist anderseits aber auch für die Gesetzgebung in diesem Bereich und für die Beantwortung parlamentarischer Vorstösse zuständig.

Und was erachten Sie als weniger gut?

Studer: Die unhaltbaren Zustände in den 90er-Jahren, als den Gerichten viel zu wenig Personalressourcen zur Verfügung standen. Die Richterinnen und Richter aller Instanzen waren hoffnungslos überlastet, die Verfahren dauerten viel zu lange, und die Rechtsuchenden mussten demzufolge ziemlich Geduld haben. Dies änderte erst, als der Kantonsrat auf Antrag des Obergerichts 1999/2000 die Richterstellen erheblich aufstockte.

Sie waren an unzähligen Verfahren beteiligt. Was ist Ihnen davon positiv im Gedächtnis geblieben?

Studer: Jeder Prozess, sei es ein Zivilprozess, sei es ein Strafprozess, war speziell, sei es im positiven oder im negativen Sinn. Ich war an zu vielen Verfahren beteiligt, als dass hier einzelne Prozesse genannt werden könnten. Abgesehen davon bin ich auch nach Ausscheiden aus dem Amt ans Amtsgeheimnis gebunden.

Es gab sicher auch Negatives.

Studer: Hier sind mir einerseits die Querulanten, die es halt immer wieder und überall gibt, in Erinnerung. Anderseits der Zivilprozess, an welchem der Attentäter Leibacher beteiligt war; in jenem Verfahren hatte ich die Prozessleitung inne. Negativ in Erinnerung ist mir natürlich auch der noch nicht lange ­zurückliegende Konflikt unter den Richtern am Kantonsgericht, der uns nicht nur emotional belastet hat, sondern auch enorme Ressourcen verzehrt hat. Positiv ist aber zu vermerken, dass wir dann doch noch eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung haben finden können.

Die Erwartungen an Richter sind hoch. Sie müssen unparteiisch, unvoreingenommen, ruhig, neutral, sachlich sein. Hat Ihnen das hin und wieder Probleme bereitet?

Studer: Das hat mir nie Probleme bereitet. Ansonsten wäre ich nicht Richterin geworden. Ich war ja vier Jahre in der Advokatur tätig und realisierte dann bald, dass mir die einseitige Interessenvertretung überhaupt nicht liegt, sondern dass mir eine ausgleichende Funktion wichtig ist. Auch wenn gewisse Menschen einem sympathischer als andere sind, habe ich immer Wert darauf gelegt, alle Menschen gleich zu behandeln, seien sie mir nun sympathisch oder unsympathisch.

Vor Ihrer Wahl zur Obergerichtspräsidentin waren Sie als Kantons- und Strafrichterin tätig. Was beschäftigte Sie im Moment des Urteilsspruchs?

Studer: Sie denken hier vermutlich an die Urteilsverkündung im Strafprozess. In den Zivilverfahren werden beziehungsweise wurden Urteile seit vielen Jahren nur noch bei den Konventionalscheidungen mündlich eröffnet. Die Urteilsverkündung ist im Beruf des Richters, der Richterin aus meiner Sicht gar kein besonderer Moment, viel eher im Leben der angeklagten Person. Bei der Urteilsverkündung passte ich natürlich auf, ob der Gerichtsschreiber das Urteil richtig verkündet, anderseits achtete ich aber auch auf die Reaktion des Verurteilten.

Weshalb auf die Reaktion des Verurteilten?

Studer: Weil es mich interessierte, ob er oder sie das Urteil verstand oder nicht, ob er es akzeptieren konnte oder es allenfalls als völlig daneben erachtete.

Und später als Präsidentin des Obergerichts – «richtet» man da anders?

Studer: Das «Richten» bleibt sich gleich. Am Obergericht ist man allerdings weniger mit den Parteien direkt konfrontiert, da wesentlich weniger Verhandlungen stattfinden und die Verfahren vorwiegend schriftlich abgewickelt werden.

Was genau macht denn ein Obergerichtspräsident, eine Obergerichtspräsidentin?

Studer: Die Haupttätigkeit als Obergerichtspräsidentin ist nicht mehr das «Richten», sondern vielmehr die Führungstätigkeit, die Aufsichtstätigkeit, die Justiz­verwaltung und der Verkehr mit dem Parlament. Dem Ober­gericht unterstehen nicht nur die beiden erstinstanzlichen Gerichte und die Staatsanwaltschaft – und damit über 100 Mitarbeitende –, sondern auch die Schlichtungsbehörden und die gerichtlichen Kommissionen.

Wie hielten Sie als Richterin jeweils ihre Gefühle aus dem Spiel?

Studer: Die Gefühle habe ich nicht aus dem Spiel gehalten. Ich habe einfach darauf geachtet, dass ich die Parteien unvoreingenommen und unparteiisch behandelte, gleichgültig, ob sie mir sympathisch oder unsympathisch waren. Wenn sich beispielsweise ein Ehegatte dem anderen Teil oder der Familie gegenüber unverantwortlich verhielt, bin ich nicht davor zurückgeschreckt, meine Meinung am Tisch oder im Gerichtssaal klar und deutlich bekannt zu geben. So erinnert mich einer meiner Richterkollegen noch heute ab und zu daran, dass ich einmal einem Familienvater, der seine Unterhaltspflichten vollkommen vernachlässigte, an der Verhandlung ziemlich deutlich die Leviten gelesen habe.

Kürzlich am Strafgericht: Freispruch für den Angeklagten, obwohl der Richter sagte, er sei nicht von der Unschuld des Angeklagten überzeugt. Das Gesetz ist klar: In dubio pro reo. Konnten Sie solche Fälle, wo Sie als Richterin überzeugt waren, angelogen zu werden, einfach abhaken?

Studer: Solche Fälle habe ich Gott sei Dank selten erlebt. Hingegen ist es an der Tagesordnung, dass man als Richterin oder Richter angelogen wird. Damit muss man umgehen können. In den wenigen Fällen, in denen ich ein Urteil «contre cœur» fällen musste, habe ich daran gedacht, dass auch bei diesem Fall eines Tages die Gerechtigkeit siegen wird und der oder die Betroffene die gerechte Strafe auch ohne irdisches Gericht erhalten wird.

In Ihrem Büro im alten Zuger Zeughaus sitzt nun Ihr Nachfolger. Was machen Sie gerade, so ohne Termindruck?

Studer: Ich entrümple meine Wohnung. Dazu hatte ich jahrelang zu wenig Zeit.

Und danach?

Studer: Ich fahre seit 18 Jahren gerne Motorrad. Ich werde mit meinem Partner auf dem Motorrad während einiger Zeit Norwegen erkunden. Und natürlich ­werde ich mein Hobby, das Bergwandern, pflegen. Und dafür muss ich mich natürlich fit halten.

Also hängen Sie die Juristerei ganz an den Nagel?

Studer: Momentan schon. Ich schliesse aber nicht aus, dass ich später in der einen oder anderen Form allenfalls wieder juristisch tätig sein werde.