Interview

Zuger Psychologin gewinnt der Corona-Krise auch Positives ab

Karlijn Werquin betreibt in Zug eine Praxis für Psychotherapie. Sie sagt, dass die Massnahmen in Zusammenhang mit der Coronakrise durchaus positive Auswirkungen auf unseren Alltag haben können.

Carmen Rogenmoser
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Karlijn Werquin in der Praxisgemeinschaft Glashof in Zug.

Karlijn Werquin in der Praxisgemeinschaft Glashof in Zug.

Bilder: Maria Schmid (Zug, 28. April 2020)

Seit der Bundesrat Mitte März die «ausserordentliche Lage» ausgerufen hat, steht das gewohnte Leben der meisten Kopf – auch das von Psychotherapeutin Karlijn Werquin. Sie erzählt von ihren Erfahrungen im Homeoffice und davon, wie Menschen, die es sonst schon nicht leicht haben, mit dieser neuen Realität umgehen.

Karlijn Werquin, wie haben die Coronakrise und deren Massnahmen Ihren Alltag verändert?

Karlijn Werquin: Ich habe vom ersten Tag an voll umstrukturiert. Nur noch medizinische Notgespräche dürfen vor Ort stattfinden. Ich habe zu jedem Patienten Kontakt aufgenommen und wir haben überlegt, wie wir die Sitzungen organisieren. Über 80 Prozent der Therapiestunden finden nun per Videochat statt.

Es ist nicht für alle Patienten möglich, sich einzurichten?

Nein, es gibt Patienten, die nur in der Praxis einen sicheren Ort zum Reden haben.

Was für Erfahrungen haben Sie mit Videochats gemacht?

Ich war skeptisch und wurde positiv überrascht. Wir haben sehr tiefgehende Gespräche geführt. Für mich als Therapeutin sind die Videocalls sehr intensiv, ich bin anschliessend sehr müde. Man ist sehr fokussiert, effizient und wird nicht abgelenkt. Auch von vielen Patienten bekomme ich ein positives Feedback. Viele haben in den letzten sechs Wochen grosse Entwicklungsschritte gemacht.

Wie erklären Sie sich das?

Für die meisten Leute ist das Zuhause ein sicherer Ort. Sie können sich zurückziehen, sich auf dem eigenen Sofa oder Bett bequem machen – ein positives Umfeld, das für Entspannung sorgen kann. Ich werde diese Art der Therapie auch nach der Aufhebung der Coronamassnahmen anbieten.

Zu Ihren Patienten gehören auch Kinder und Jugendliche. Was bedeute die Zeit ohne reguläre Schule für sie?

Die Beziehung Lehrer–Schüler hat sich durch die Videocalls ebenfalls oft intensiviert. Jedes Kind erhält einzeln Aufmerksamkeit. Ein als Unruhestifter bekannter Schüler etwa ist präsenter und hält sich besser an die Regeln. Die Schüler wissen, auch für sie hat die Lehrperson eins zu eins Zeit. Viele Kinder haben so die Möglichkeit, sich von einer anderen Seite zu zeigen. Eine Seite, die vorher vielleicht untergegangen ist. Konkurrenz, ein hoher Lärmpegel, die ständigen Interaktionen: Dem sozialen Druck sind nicht alle gewachsen. Durch die Massnahmen im Zusammenhang mit der Bekämpfung des Virus wurde dieser Druck runtergeschraubt.

Das Leben vieler Kinder und Jugendlicher ist deutlich ruhiger geworden.

Man hat gemerkt, dass nichts zu tun auch eine interessante Erfahrung sein kann. Ein Kind hat mir gesagt: Ich habe gelernt, etwas zu vermissen.

Gleiches gilt für viele Eltern.

Die Agenda ist nicht mehr so voll, die Freizeit ist freie Zeit. Ferien und eine leere Agenda zu haben, nicht fliegen, nicht verreisen zu müssen, ist für manche Familien eine neue Erfahrung. Viele staunen, wie gut ihnen das tut.

Geht es Ihnen auch so?

Ich habe das selber auch erlebt. Ich hatte eine Woche Ferien in Belgien geplant. Nun musste ich zu Hause bleiben. Kein Tag war verplant. Ich konnte mich wahnsinnig gut erholen. Es hat mir Ruhe gebracht und ich habe viele Sachen gemacht, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mir Spass machen. Auch das Homeoffice ist sehr effizient. Ich bin abends oft früher fertig, obwohl ich genau gleich viele Gespräche führe wie vorher.

Werden Sie das für die Zeit nach Corona mitnehmen?

Ich werde versuchen, nicht mehr alle Ferien zu verplanen, gezielt Tage offen lassen und Platz lassen für Last-minute-Entscheide. Ich hoffe, dass viele sich überlegen, was ihnen gutgetan hat. Dass manche Erfahrungen, die man aufgrund der strikten Massnahmen gemacht hat, als Chance sehen kann, dass man noch kreativer wird, Neues entdeckt, Bekanntes mehr wertschätzt.

Sie sagen, auch das Familienleben wurde neu entdeckt?

Viele erleben eine grosse Geborgenheit im engen Familienkreis und eine neue Qualität des Zusammenseins. Familien spielen mehr zusammen, gehen Wandern oder Velofahren. Man spürt, wir als Familie sind fähig, eine Krise zu bewältigen. Das macht vor allem junge Eltern selbstbewusster und zu Recht stolz. Es ist ein Klischee, aber tatsächlich können wir aus der Krise lernen. Wir Menschen sind resilient, widerstandsfähig. Das vergessen wir ab und zu.

Was bedeutet das?

Verstehen Sie mich nicht falsch, die Krankheit ist wirklich übel, sie ist tödlich und bringt viel Leid. Ich möchte mein aufrechtes Mitgefühl äussern für all diejenigen, die direkt mit dieser schrecklichen Krankheit konfrontiert sind. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ist aber nur mit den Massnahmen konfrontiert, leidet also nur daran. Selbstverständlich gibt es Angst, es gibt finanzielle Krisen, aber das ist eher selten lebensbedrohlich.

Was ist mit der Zunahme von häuslicher Gewalt?

Menschen, die es schwierig haben in der Gesellschaft, denen es finanziell nicht gut geht, die Gewalt erleben, Hunger haben, diejenigen hat es immer gegeben und wird es leider immer geben. Aber sie sind während dieser Zeit sichtbarer geworden. Manchen fühlen sich verbundener, weil sie merken, dass es anderen auch so gehen kann. Die Hilfsleinen sind ebenfalls sichtbarer geworden. Man traut sich eher, Hilfe zu holen. Gleichzeitig ist das Verständnis von weniger Leidenden grösser geworden. Es wird einem plötzlich bewusst, dass alleinstehende Junge auch einsam sein können. Wir fühlen uns verbunden und das ist ein Urbedürfnis der Menschen. Die Solidarität untereinander wird angekurbelt.

Durch die Coronakrise gibt es nicht mehr Probleme, sie sind einfach sichtbarer?

Manche Menschen, die Sorgen haben, hatten diese auch vorher schon. Kinder, die jetzt Schwierigkeiten haben, hatten die wohl vorher auch schon. Ausgebrannte Lehrer und Familien, das ist meistens nicht durch die Massnahmen der Coronakrise entstanden. Die Probleme sind nicht neu, aber die Akzeptanz dafür ist gestiegen. Erstaunlicherweise sehe ich einige, die vorher schon Probleme hatten und nun gut durch die Krise kommen. Und es gibt das Gegenteil.

Zurück zu den Kindern und Jugendlichen: Bald öffnen die Schulen. Wie funktioniert der Weg zurück?

Der Wiedereinstieg gelingt, wenn die Verbundenheit und die Erfahrung als Leitfaden dienen. Die Lehrer sollen viel Zeit für den Austausch einplanen, die Kinder reden, basteln und zeichnen lassen. Ängste sollen ernst genommen werden. Mann soll zugeben, dass auch Erwachsene Angst haben. Gleichzeitig sollte die Unvorhersehbarkeit thematisiert werden. Wir wissen nicht genau, wie der Schulbetrieb aussieht: Gibt es kleinere Klassen? Wird meine beste Freundin da sein? Gibt es eine zweite Welle? Man sollte weniger auf den Lernstoff fixiert sein, der kann aufgeholt werden. Eher sollten die Beziehungen gepflegt werden. Wenn ein Kind unter Angst oder Unsicherheit leidet, kann es nicht lernen, sich nicht konzentrieren. Das gilt genauso für Lehrpersonen.

Was können die Eltern tun?

Sie können die Kinder mit den Massnahmen, die von ihnen verlangt werden, vertraut machen. Dazu gehört unter anderem das Händewaschen oder Abstandhalten. Die Eltern könnten auch mal eine Schutzmaske tragen. Für Kinder, die wochenlang nur zu Hause waren, kann das sonst ein Schock sein. Der Neustart ist vergleichbar mit dem Anfang des Schuljahres. Eine Gelegenheit, die Brücke zwischen Elternhaus und Schule zu stärken. Hier handhaben die Schweizer Schulen eine wunderbare Tradition. Eltern können in Erfahrung bringen, was bereits bekannt ist, wie der Ablauf sein wird und die Kinder entsprechend darauf vorbereiten.