Zuger Schülerinnen fühlen sich wegen Matura-Entscheid nicht ernst genommen

Gegen den Entscheid des Kantons Zug, die schriftlichen Maturitätsprüfungen stattfinden zu lassen, wehrt sich die Schülerschaft.

Cornelia Bisch
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In kaum einer anderen Frage scheint derzeit mehr Unsicherheit und Uneinigkeit zu herrschen als in jener, ob und in welcher Form die Maturaprüfungen 2020 stattfinden sollen. Der Empfehlung der kantonalen Erziehungsdirektoren Konferenz (EDK) folgend, entschied der Bundesrat am Mittwoch, die Entscheidungskompetenz in dieser Frage den Kantonen zu überlassen, obwohl er «eine national einheitliche Lösung vorgezogen hätte, um die Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu gewährleisten». Offensichtlich möglich war hingegen ein gesamtschweizerischer Entscheid bezüglich der Berufsmaturitätsprüfungen. Diese finden, wie ebenfalls am Montag bekannt gegeben wurde, nicht statt.

«Wir sind enttäuscht», erklärt Melina Tschopp, Wortführerin der Widerstandsgruppe der Zuger Kantonsschülerschaft. Direktor Peter Hörler sei zwar immer freundlich und einsichtig gewesen. «Dennoch fühlen wir uns nun abgespeist und nicht ernst genommen.» Gemeinsam mit Kollegin Sara Noaman (18) setzt sich die 19-Jährige stellvertretend für die Mehrheit der Maturandinnen und Maturanden ein, wie zwei Umfragen an der Kantonsschule Zug ergaben. Auch zahlreiche Schüler der Kantonsschule Menzingen unterstützen den Widerstand.

Melina Tschopp (links) und Sara Noaman setzten sich zur Wehr.

Melina Tschopp (links) und Sara Noaman setzten sich zur Wehr. 

Bild: Matthias Jurt (Zug, 30. April 2020)

Offenes Schreiben an den Regierungsrat

Im Kanton Zug war bereits Anfang April entschieden und kommuniziert worden, dass die schriftlichen Prüfungen stattfinden würden. Dagegen wehrte sich die Zuger Kantonsschülerschaft mit einem offenen Schreiben an Regierungsrat Stephan Schleiss, Direktion für Bildung und Kultur (DBK), mit Kopie an die Rektoren der Kantonsschulen Zug und Menzingen sowie an die Präsidentin der EDK Silvia Steiner und Bundesrat Guy Parmelin. Darin bezeichnet die Schülerschaft diese Entscheidung als unfair und unverantwortlich. Es sei unmöglich, die Corona-Sicherheitsmassnahmen des Bundes bei einer schriftlichen Prüfung dieser Grössenordnung einzuhalten. Zudem gestalte sich der Online-Unterricht deutlich weniger effizient als der Regelunterricht. Nicht alle Schüler hätten zu Hause die gleichen Voraussetzungen wie in der Schule. «Wir fühlen uns überfordert und allein gelassen», heisst es in dem Schreiben. Belastend komme der mentale Druck wegen der Unsicherheit der letzten Wochen hinzu.

Stephan Schleiss.

Stephan Schleiss.

«Ich bin mir absolut sicher, dass wir neben den pädagogischen auch die gesundheitlichen und hygienischen Herausforderungen gut werden meistern können», schrieb Regierungsrat Stephan Schleiss in seiner Antwort an die Schülerschaft. Und weiter: «Der Abschluss der Mittelschule ist ein klassisches Übergangsritual nach Arnold van Gennep und prägend für ein Schülerleben.» Er sei den Schülern daher eine Matura- oder Abschlussprüfung pädagogisch schuldig, damit Sie die Mittelschule richtig abschliessen, nochmals in einer Leistungssituation bestehen und mit dieser Erfahrung ihr Studium an Universität und Hochschule beginnen könnten.

Der Regierungsrat bestätigt diese Aussagen auf Anfrage und präzisiert: «Es stand gar nie zur Debatte, die schriftliche Prüfungen nicht stattfinden zu lassen.» Das Bestreben der Schulen, der Geschäftsleitung des Amtes für Mittelschulen und der Bildungsdirektion sei es gewesen, auf die mündlichen Prüfungen zu verzichten, damit die schriftlichen sicher durchgeführt werden könnten. «Wir haben diesen Entscheid als einer der ersten Kantone bereits Anfang April gefällt, damit sich alle Beteiligten angemessen vorbereiten können.» Die Lehrpersonen würden bei der Erstellung der Prüfungen bezüglich Stoffumfang und Schwierigkeitsgrad den Voraussetzungen, wie sie seit Mitte März gegeben seien, Rechnung tragen und um faire Prüfungen bemüht sein.

«Sämtliche Gründe, die für eine schriftliche Matura sprechen, gelten doch auch für die Absolventen der Berufsmatura», argumentiert Melina Tschopp auf Anfrage. Abgesehen davon hätten sich bereits elf Schweizer Kantone gegen die Durchführung der Prüfungen ausgesprochen. «Eine gesamtschweizerische Regelung mit dem Ziel, die Prüfungen stattfinden zu lassen, wäre zwar nicht in unserem Sinn, aber doch in Ordnung gewesen», betont Tschopp. «Nun sind wir dem Machtspiel der Kantone ausgeliefert.»

Unlogische Argumentation

Die Schülerschaft glaube weder daran, dass die gesundheitlichen Schutzmassnahmen eingehalten, noch dass faire Verhältnisse geschaffen werden könnten. «Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Schwierigkeitsgrad von Prüfungsfragen von den einzelnen Lehrpersonen subjektiv und infolge dessen sehr unterschiedlich beurteilt wird.» Apropos «richtiger Abschluss»: «Von einem solchen kann auch mit schriftlichen Prüfungen nicht die Rede sein, denn es fehlen ja auch die mündlichen Prüfungen und Anlässe wie die Maturafeier.» Abgesehen davon herrsche Chancengleichheit an den Universitäten, mit und ohne Abschlussprüfungen. «Die Prüfungen zu schreiben, ist doch einfach nicht logisch.»

Es sei ein Entscheid in einer schwierigen Situation, stellt der Direktor der Kantonsschule Zug Peter Hörler fest. Die Kantonsschule habe sich sowohl auf das Szenario «nur schriftliche Prüfungen», als auch auf jenes der Absage vorbereitet. «Für und gegen beide Szenarien gibt es gute Argumente und nachvollziehbare Gründe. Nun ist es entschieden.»

Peter Hörler

Peter Hörler

Mit Blick auf den Bildungsraum Schweiz und auf die Bedeutung von Matura und Gymnasium auf nationaler Ebene hätte er sich allerdings eine frühere und einheitliche Lösung gewünscht. Dass ein Abschluss ohne schriftliche Prüfungen in der akademischen Welt als «geschenkt» betitelt werden würde, bezweifelt Hörler. «Die angestrebte Studierfähigkeit entsteht ja nicht nur durch die Prüfungen. Unsere Maturanden wurden während der letzten vier Jahre auf den Abschluss und ein Studium vorbereitet.»

Gabrijela Pejic-Glisic, Rektorin der Kantonsschule Menzingen, begrüsst den Entscheid des Bundesrates. «Maturaprüfungen haben nicht nur zum Ziel, Noten zu generieren. Genug valide Noten hätten unsere Maturanden schon. Seit Jahren arbeiten sie auf dieses Ziel hin und können nun zeigen, was sie gelernt haben und dass sie studierreif sind», erklärt sie.

Gabrijela Pejic-Glisic.

Gabrijela Pejic-Glisic.

«Ich bin davon überzeugt, dass die Freude und Befriedigung darüber, auch diese letzte Prüfung geschafft zu haben, die Anstrengungen mehr als nur aufwiegen wird.» Sie sei froh, dass die Schülerinnen und Schüler den emotionalen Moment eines richtigen Abschlusses ihrer gymnasialen Ausbildung nicht missen müssten. «Der Präsident der Hochschulrektoren Yves Flückiger hat in einem Interview gesagt: ‹Ein Abschluss ohne Maturaprüfungen ist wie eine Tour de Suisse ohne letzte Etappe›. Genau das meine ich auch», stellt Pejic klar.

Melina Tschopp und ihre Mitstreiter sind ernüchtert. Auf ihr erneutes Protestschreiben zuhanden der Schulleitung sei lediglich die Antwort erfolgt, der Entscheid für die schriftlichen Prüfungen sei im Kanton Zug schon lange gefallen. «In den letzten sechs Jahren ist uns beigebracht worden, unsere Meinung auszudrücken und uns zu engagieren.» Bei solchen Antworten müsse man sich jedoch nicht über mangelndes Engagement seitens der Jugend wundern. Ab dem 12. Mai, also in knapp zwei Wochen, finden die schriftlichen Maturaprüfungen im Kanton Zug statt. Melina Tschopp bleibt nichts anderes übrig, als sich mit Vollgas darauf vorzubereiten. «Es bleibt aber ein fader Beigeschmack, wenn man so behandelt wird», bedauert sie.