Zuger Schulen im Ausnahmezustand

Seit eineinhalb Wochen wird aus der Ferne unterrichtet. Der Start scheint gelungen – erste Herausforderung zeigen sich jedoch.

Zoe Gwerder
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Es war Freitag, der 13.März, als der Bundesrat Mitte Nachmittag verkündete, dass der Unterricht an den Schulen ab Montag nicht mehr stattfinden wird. Auf Grund der Coronakrise sei nun Fernunterricht angebracht. Innert eines Wochenendes und weniger Arbeitstage mussten sich die Schulen und die Lehrerschaft wie auch die Eltern der Kinder auf die neue Situation einstellen.

Eine Woche nach erfolgter Umstellung zieht Landammann und Bildungsdirektor Stephan Schleiss eine posi­tive Bilanz. «Auf der Stufe Bildungsdirektion dürfen wir von einem gelungenen Übergang sprechen. Bis zu uns sind keine Reklamationen gedrungen, was ein starkes Zeichen dafür ist, dass hervorragende Arbeit geleistet wurde, und wird.» Schleiss macht gleichzeitig den Eltern ein Kompliment. «Auch sie müssen nun Aussergewöhn­liches leisten, um je nach Alter ihrer Kinder mehr oder weniger intensive Betreuung bei deren Schulaufgaben zu meistern.»

Es wartete niemand vor verschlossenen Türen

Auch die Nachfrage bei einzelnen Rektoraten zeigt ein ähn­liches Bild. Der Baarer Rektor Urban Bossard ist erfreut, dass nach dem Wochenende der Umstellung auf Fernunterricht kein einziges Kind vor geschlossenen Schulhaustüren stand. «Offenbar hat die Kommunikation unserer Lehrer mit den Eltern funktioniert.» Auch sein Kollege in Unterägeri, Rektor Erich Schönbächler, kann dies von seiner Schule bestätigen:

«Keiner der knapp 900 Schüler tauchte auf. Wir waren selber sehr überrascht, die ‹Notaufnahme› war schon eingerichtet.»

Wie in Unterägeri hatten sich die Schulen darauf eingerichtet, notfalls Schüler vorübergehend zu betreuen, die nicht von der Schliessung erfahren haben oder deren Eltern sich der Vorgabe widersetzen.

Die Notbetreuung wird wenig genutzt

Neben den Schulen musste auch die schulergänzende Betreuung geschlossen werden, in welcher die Kinder normalerweise neben dem Unterricht ihre Zeit verbringen können, wenn die Eltern arbeiten. Seit einer Woche gibt es nun jedoch in allen Gemeinden eine Notbetreuung für Kinder von Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten – wie beispielsweise im Gesundheitswesen, in der Lebensmittelversorgung, bei der Polizei – sowie für andere Notfälle. Gemäss dem hierfür verantwortlichen Regierungsrat Andreas Hostettler werden in diesen Notbetreuungen derzeit etwa 70 Schüler betreut, was rund einem Prozent aller Schülerinnen und Schülern entspricht. «Viele Eltern haben offenbar selber eine Lösung zur Betreuung ihrer Kinder gefunden – mit Kollegen oder der Verwandtschaft», so Hostettler. Er rechnet jedoch damit, dass die Anzahl der Anmeldungen von Kindern in der Notbetreuung weiter ansteigen könnte. «Die meisten Gemeinden haben aber noch Kapazität für deutlich mehr Kinder.» Am stärksten ausgelastet ist bisher Unterägeri.

Gemäss einer Liste der kantonalen Direktion des Innern sind dort höchstens 25 Plätze verfügbar. 22 Kinder sind derzeit zur Notbetreuung angemeldet, wie Rektor Erich Schönbächler sagt. Unterägeri hat nach der Stadt Zug die höchste Anzahl an Kindern, die betreut werden. In Zug sind es 31 – Stand Freitag, 20. März. «Da nicht alle Kinder an denselben Tagen zu uns kommen, haben wir schon noch Kapazität», so Schönbächler. Man könne sein Kind auch im Nachhinein noch anmelden. «Wir klären zuerst telefonisch ab, in welchen systemrelevanten Berufen die Erziehungsberechtigten arbeiten. Wo dies gegeben ist, können wir auch jetzt noch Kinder aufnehmen», erklärt Rektor Schönbächler. «Wir versuchen nach Möglichkeit, optimale Voraussetzungen zu schaffen.» Die Gruppen bestehen in Unterägeri aus drei bis vier Kindern plus einer betreuenden Person. Dies, obwohl der Kanton Zug in der Notbetreuung noch immer Gruppen von maximal zehn Kindern zulässt. «Solange wir das so aufrechterhalten können, machen wir es so», erklärt Schönbächler. «Auch zum Schutz der Lehrerpersonen und Betreuerinnen.» Wie er erzählt, müsse man auch sehr flexibel sein. «Wir haben Kinder von Personen aus dem Gesundheitswesen, die am Morgen noch nicht wissen, wie lange ihr Einsatz dauern wird.» (zg)

Die eigentliche Herausforderung aber – da sind sich der Bildungsdirektor Schleiss und die beiden Rektoren einig – wird jedoch erst noch auf die Schule zukommen. Insbesondere, falls die Schulschliessung über die Frühlingsferien hinaus andauern wird. «Insbesondere Kinder aus bildungsfernen Familien könnten derzeit – auf engem Raum mit der Familie und ohne Betreuung durch die Lehrperson – in schwierigen Situationen stecken», erklärt Urban Bossard. Die Lehrerinnen und Lehrer stünden zwar so gut als möglich mit den Kindern in Kontakt. «Wenn dies aber über die Frühlingsferien hinaus geht, müssen wir zusätzliche Möglichkeiten finden, um die Kinder zu coachen und ihnen Struktur zu geben.» So sei es beispielsweise denkbar, dass künftig Kinder vermehrt einzeln aufgeboten werden.

Schulen sind bereit, soziale Konflikte abzufedern

In Unterägeri macht sich Rektor Schönbächler insbesondere auch Sorgen um Kinder mit besonderen Bedürfnissen oder auch mit auffälligem Sozialverhalten. «Wir rechnen da und dort mit Konflikten, die nun eskalieren.» Heute schon seien in Unterägeri nicht nur die Lehrpersonen, sondern auch der Schulsozialdienst in Kontakt mit den Familien. Sollte die Situation jedoch länger anhalten, zieht Schönbächler Lösungen in Zusammenarbeit mit dem Schulpsychologischen Dienst oder aber auch mit der Kesb in Betracht. Eine weitere Möglichkeit ist zudem die Notbetreuung. In dieser können in Ausnahmefällen auch Kinder mit sogenannten «sozialen Indikatoren» betreut werden.

Schönbächler betont, dass es aber auch sehr schöne Seiten der derzeitigen Lage gebe: «Wir in der Schulleitung spüren unter den Lehrpersonen eine ausserordentliche Solidarität und ei­nen gewaltigen Einsatz zu Gunsten ihrer Schüler, die einzigartig sind – so wie es auch die aktuelle Situation ist.»