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Zuger Strafanstalten: Wer mit ihm reden will, öffnet die Lucke

Stefan Gasser-Kehl ist Gefängnisseelsorger in Zuger Strafanstalten. Er ist Theologe, Philosoph, Berater und Psychologe in einer Person.
Andrea Muff
Gefängnisseelsorger Stefan Gasser-Kehl ausserhalb seines Arbeitsplatzes in der Stadt Zug, der Strafanstalt an der Aa. (Bild: Stefan Kaiser, 11. Juli 2019)

Gefängnisseelsorger Stefan Gasser-Kehl ausserhalb seines Arbeitsplatzes in der Stadt Zug, der Strafanstalt an der Aa. (Bild: Stefan Kaiser, 11. Juli 2019)

Seinen Arbeitsplatz bekommt nicht jeder zu Gesicht, denn Stefan Gasser-Kehl ist Gefängnisseelsorger in der Zuger Strafanstalt an der Aa und in der Interkantonalen Strafanstalt Bostadel in Menzingen (siehe Box). Der christliche Seelsorger ist seit 13 Jahren im Auftrag der katholischen und reformierten Kirche des Kantons Zug unterwegs. Er erfährt in persönlichen Gesprächen mehr über die Probleme und Bedürfnisse der Gefangenen und hilft ihnen auch bei der Alltagsbewältigung.

In der Strafanstalt an der Aa kann sich Stefan Gasser im ganzen Gebäude bewegen. «Ich bin ausgerüstet wie ein Aufseher», erklärt er. In seinen Erzählungen beschränkt er sich auf die Arbeit in der Zuger Strafanstalt, welche die drei Abteilungen Untersuchungshaft, Vollzug und Ausschaffungshaft führt. In der Interkantonalen Strafanstalt Bostadel, wo Wiederholungstäter und Straftäter mit besonderer Flucht- und Gemeingefahr einsitzen, läuft seine Arbeit ein wenig anders. Er bewegt sich nicht frei im Gebäude und die Insassen, welche ein Gespräch wünschen, werden zu ihm gebracht.

Zweimal pro Woche zu 
je vier Stunden unterwegs

Zweimal pro Woche zu je vier Stunden läuft Stefan Gasser durch das Gebäude an der Aa. «Ich klopfe an die Lucke in der Türe», erklärt der Theologe das Vorgehen. «Wenn der Insasse die Lucke öffnet, stelle ich mich vor und er entscheidet, ob er mit mir ein Gespräch führen möchte oder nicht.» Die Konfession spiele keine Rolle, stellt Gasser klar und macht darauf aufmerksam, dass jene, die sich in Untersuchungshaft befänden, oft über 20 Stunden alleine in der Zelle seien. «Der Vorteil meiner Methode ist, dass mich die Insassen persönlich sehen. Ich weise immer darauf hin, dass es sich beim Gespräch um ein freiwilliges Angebot handelt.» Er präzisiert: «Es ist zuallererst eine Begegnung von Mensch zu Mensch.» Wenn jemand das Angebot in Anspruch nehme, gehe er mit ihm in den Spazierhof an die frische Luft. Wie lange ein Gespräch dauert, kann der Seelsorger selber entscheiden. In der Regel sind es um die 30 Minuten. «Meistens handelt es sich bei meinen Klienten um Männer»,
erklärt Stefan Gasser.

Die Strafanstalten im Kanton Zug

In Zug gibt es zwei Strafanstalten. In die Strafanstalt Zug an der Aa werden Personen durch die Strafuntersuchungs- und Vollzugsbehörden, vorwiegend aus dem Kanton Zug, eingewiesen. Es sind Personen in Untersuchungshaft, im Strafvollzug mit Strafen bis zu eineinhalb Jahren und in der Halbgefangenschaft, sowie in der Ausschaffungs- oder Auslieferungshaft. Halbgefangenschaft bedeutet, dass die eingewiesene Person ihrem Beruf nachgehen kann und die Zeit neben der beruflichen Tätigkeit in der Anstalt verbringt. Die zweite Anstalt befindet sich in Menzingen. Die Interkantonale Strafanstalt Bostadel wird von den Kantonen Basel Stadt und Zug betrieben. Die öffentlich-rechtliche Anstalt ist eine geschlossene Strafanstalt, in der Strafen und Massnahmen an Wiederholungstätern und an Straftätern mit besonderer Flucht- oder Gemeingefahr umgesetzt werden. Im Normalvollzug werden gemäss kantonaler Website 108 Gefangene betreut. Jeder Insasse ist im Bostadel zur Arbeit verpflichtet, aufgeteilt in Produktions- und Dienstleistungsbetriebe. (mua)

Dieser Umstand entspricht dem Gebiet von Gassers Arbeit, denn bereits während seines Theologiestudiums interessierte er sich für die «Mannearbeit». Die Berufswahl habe aber auch einen Ursprung in seiner Biografie. Denn von seiner Mutter habe er einen positiven Blick auf den Strafvollzug vermittelt bekommen. «Ich bin in Solothurn aufgewachsen und meine Mutter hat damals in einer halb-offenen Strafanstalt Deutschkurse gegeben», erinnert sich Gasser. So sei es früher keine Seltenheit gewesen, dass am Sonntagmittag Insassen bei ihnen am Familientisch gesessen hätten. «Die 1970er- und 80er-Jahre waren andere Zeiten als heute», fügt Gasser schmunzelnd hinzu. Um schliesslich Gefängnisseelsorger zu werden, besuchte er einen speziellen Studiengang an der Universität Bern. Dort lernte er auch die juristische Seite des Strafvollzugs kennen.

Denn neben der Biografie, der momentanen Lebenssituation, Lebensfragen und Weltanschauungen kommt bei den Gesprächen mit den Insassen oft auch das Verfahren und der Umgang mit dem Anwalt zur Sprache. Gasser ist oft Theologe, Philosoph, ein bisschen Berater und immer wieder Psychologe in einer Person. «Ich bin vom Typ her Generalist», weiss er selbst. Gasser ermutigt seine Klienten aber professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn das nötig ist. «Eine wichtige Aufgabe von mir ist auch, meine Grenzen zu kennen», sagt der Gefängnisseelsorger.

Es geht oft um 
Grenzerfahrungen

In den Gesprächen gehe es oft um Grenzerfahrungen, um das eigene begangene Delikt und die Schuldfrage. Gasser ist zwar kein Pfarrer, aber an die Schweigepflicht gebunden. «Die Insassen wünschen sich oft eine unabhängige Sicht von aussen, und dass sie jemanden zum Reden haben», weiss der Theologe. Häufiges Thema ist die Alltagsbewältigung, da die Insassen viel Zeit alleine in der Zelle verbringen. «Sie fragen, was sie tun sollen», erzählt Gasser. Er rate ihnen den Fähigkeiten und Interessen entsprechend, zu zeichnen, zu singen, zu beten, Briefe zu schreiben oder zu Atemübungen. «Es geht vor allem um den Stressabbau», weiss er.

Zum Ausgleich
Sport und Supervision

Als grösste Herausforderung bezeichnet Gasser die Gespräche mit Jugendlichen. «Ich möchte ihnen auf Augenhöhe begegnen und ihnen das Gefühl geben, ernst genommen zu werden», erklärt Stefan Gasser.

«Ich urteile nicht.»

Denn seine Rolle sei eher eine väterliche oder brüderliche. «Zum Glück ist es ganz selten, dass ich einen Jugendlichen später als Erwachsenen in der Strafanstalt wiedersehe», stellt der Seelsorger fest.

Stefan Gasser trennt bewusst das Privat- von seinem Arbeitsleben. Er macht als Ausgleich Sport und nimmt Supervision. «Es ist eine Charakterfrage. Ich bin während der Arbeit voll da, danach bin ich wieder im Alltag.» Was nicht immer leicht ist, weil er quasi als emotionaler Prellbock fungiert. Stefan Gasser gesteht daher: «Das schönste Kompliment ist, wenn mir die Aufseher sagen, dass die Insassen nach meinem Besuch wesentlich entspannter wirken.»

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