Zuger Strafgericht spricht einen Mann schuldig wegen Vergewaltigung seiner Stieftochter

Der Mann sass im vergangenen November auf der Anklagebank. 

Andreas Faessler
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Im vergangenen November sass ein Familienvater auf der Anklagebank vor dem Zuger Strafgericht. Ihm wurde vorgeworfen, sich an seiner Stieftochter sexuell vergangen zu haben, noch bevor diese das Alter von 16 Jahren erreicht hatte, aber auch danach noch. Nicht nur soll er sie sexuell genötigt, sondern in einem Fall auch vergewaltigt haben. Aufgrund einer diagnostizierten verminderten Intelligenz der Stieftochter ist der Stiefvater überdies wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Abhängigen angeklagt.

Diese schweren Vorwürfe stellten das Gericht insofern vor besondere Herausforderungen, als einerseits die Beweislage allgemein sehr schwierig war in diesem Fall und andererseits die besonderen Familienverhältnisse die Einschätzung des Ganzen erschwerten. Der Stiefvater, ein portugiesischer Staatsangehöriger, lebt mit seiner Lebenspartnerin im Kanton Zug. Diese hatte eine Tochter mit in die Partnerschaft gebracht, welche ihren Stiefvater im Frühling 2017 angezeigt hat, nachdem er gegen ihren Willen jahrelang sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen haben soll. Der Beschuldigte bestritt jegliche Vorwürfe. Auch seine Lebenspartnerin sagte vor Gericht aus. Sie beteuerte, dass sie nie etwas von den besagten Vorfällen mitgekriegt habe. Gemäss ihren Aussagen und denjenigen des Angeklagten sei die Klägerin in den Stiefvater verliebt gewesen und habe sich zunehmend eifersüchtig gezeigt. Das Paar beschrieb die heute 22-Jährige trotz ihrer kognitiven Einschränkung als berechnend und manipulativ. Der Beklagte erhob seinerseits selbst Vorwürfe gegen seine Stieftochter, dass sie ihm sexuelle Avancen gemacht habe.

«Ungereimtheiten» und «Widersprüche»

Die Staatsanwaltschaft schenkte ihm keinen Glauben. Sie erachtete die Beschuldigungen als plausibel, zumal der Beklagte nachweislich mehrfach im Internet nach pornografischem Material gesucht habe mit dem Thema Inzest und Sex von Älter mit Jünger. Auch erachtete die Staatsanwaltschaft das Aussageprotokoll der Stieftochter als glaubwürdig und so weit schlüssig, dass für sie das Verschulden des Angeklagten ohne Zweifel sei. Sie forderte für die eingangs aufgeführten Straftatbestände eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und einen Landesverweis für zehn Jahre.

Die Verteidigung des Angeklagten hingegen plädierte auf Freispruch in allen Punkten. Zu viele Ungereimtheiten und Widersprüche fänden sich in den Aussagen der Stieftochter. «Schwammig» und «lückenhaft» sei der Sachverhalt.

Inzwischen ist das Zuger Strafgericht zu einem Schluss gekommen: Es spricht den Angeklagten frei vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern sowie der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Abhängigen. Das Gericht schenkt den Aussagen der Stieftochter grundsätzlich zwar Glauben, aber ihre vagen zeitlichen Einordnungen der Vorkommnisse lassen keinen überzeugenden Schluss zu, dass sich die sexuellen Handlungen bereits ereignet hatten, bevor das Mädchen das 16. Altersjahr erreicht hat. Bezüglich sexueller Handlungen mit Schutzbefohlenen kommt das Gericht zum Schluss, dass die Stieftochter trotz ihrer verminderten Intelligenz durchaus in der Lage gewesen sei, etwas, das sie nicht wollte, deutlich zurückzuweisen. Dass sie gesagt habe, auf ihren Stiefvater «zu stehen», sei angesichts des Einvernahmeprotokolles nicht ganz unglaubhaft, weshalb sie gewissen Handlungen gegenüber «aufgeschlossen» gewesen sein dürfte. Somit sei auch dieser Tatbestand nicht erfüllt.

In einem Fall aber sieht das Gericht es als erwiesen, dass der Angeklagte seine Stieftochter unter körperlicher Kraftaufwendung gegen deren Willen zu einer explizit sexuellen Handlung gezwungen hat, wodurch der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt ist. In einem weiteren Fall hat der Beschuldigte in den Augen des Gerichts erneut eine sexuelle Handlung an seiner Stieftochter vorgenommen, obschon diese klar signalisiert habe, dass sie das nicht wolle. So ist weiter der Tatbestand der sexuellen Nötigung erfüllt.

Gefängnis und Landesverweis

Das Gericht spricht auch den geforderten Landesverweis aus, dies infolge seines erheblichen Tatverschuldens und einer «moderaten ausländerrechtlichen Rückfallgefahr». Allerdings hat sich das Gericht nicht auf zehn, sondern auf sechs Jahre geeinigt. Abgesehen vom Landesverweis erhält der Beklagte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten. Die Verfahrenskosten hat er zu zwei Dritteln zu tragen und muss seiner Stieftochter eine Genugtuung in Höhe von 20000 Franken leisten.