Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

ZUGER STRAFGERICHT: Tochter attackiert ihre Mutter

Mit Glück überlebt eine Mutter einen Messerangriff durch ihre Tochter. Die Richter halten die 20-Jährige für schuldfähig. Sie bleibt aber im Massnahmenvollzug.
Jürg J. Aregger
Hier ist die Tochter derzeit im vorzeitigen Strafvollzug: Frauengefängnis Hindelbank. (Bild: Keystone/Marcel Bieri (Hindelbank, 17. Februar 2012))

Hier ist die Tochter derzeit im vorzeitigen Strafvollzug: Frauengefängnis Hindelbank. (Bild: Keystone/Marcel Bieri (Hindelbank, 17. Februar 2012))

«Ich habe praktisch keine Erinnerung an die Tat. Es gibt nur einzelne Fetzen», so die Frau diese Woche vor dem Zuger Strafgericht. Kein Wunder: Sie hatte am 22. Februar 2016 den ganzen Tag Alkohol getrunken und um 19 Uhr 2,09 Promille intus. Auch wenn die heute 20-Jährige Alkohol gewohnt war, bedeutete dies einen schweren Rausch. Die an ADHS sowie einer Persönlichkeitsstörung leidende Frau befürchtete, wieder in eine psychiatrische ­Klinik eingewiesen zu werden. Dort war sie schon fünfmal.

Als es an der Türe klingelte, weil der Vater die Polizei alarmiert hatte, stach sie mit dem scharfen Küchenmesser hinterrücks auf ihre Mutter ein. Die Klinge war 18 Zentimeter lang. Erst nach zwei Stichen in der Schultergegend konnte der Vater die Tochter zurückhalten, sodass der dritte Stich neben der Wirbelsäule lediglich 0,5 Zentimeter tief war. Es war reines Glück, dass die Mutter nicht lebensgefährlich verletzt wurde. «Sie hätte mit Stichen ins Herz oder die Lunge ihre Mutter töten können», so die Staatsanwaltschaft.

Die Mutter, die zwei Tage im Spital war, hat ihrer Tochter längst vergeben (Berichte der «Zentralschweiz am Sonntag» vom 5. März und 4. Juni). Und auch die Beschuldigte bezeichnet das Verhältnis zu den Eltern als «sehr gut». Das ändert allerdings nichts daran, dass das Strafgericht über den Fall zu befinden hatte.

Das Gericht verurteilte die junge Frau wegen versuchten Totschlags und versuchter Nötigung. Damit kam es weder den Anträgen der Anklage noch denjenigen der Verteidigung vollends nach. Der Staatsanwalt hatte die Messerstiche als versuchte vorsätzliche Tötung eingestuft, während die Verteidigung auf Schuldunfähigkeit der Mandantin plädierte.

Die Richter glaubten insbesondere nicht an den von der Verteidigung behaupteten Medikamentenmix mit Alkohol, den ihre Schuldfähigkeit weiter herabgesetzt hätte. Denn die Beschuldigte sagte aus, dass sie seit Tagen auch kein Temesta zur Behandlung von Angstzuständen mehr hatte, weshalb sie schon am Tatmorgen ein Bier getrunken hatte. Erst in der Klinik erhielt sie dieses Medikament wieder.

«Tötung in Kauf genommen»

Die Tochter hatte ihren Eltern gedroht, sie bringe sie oder sich um, wenn sie die Polizei alarmieren würden. Wegen des angespannten Verhältnisses zu Hause und ihrer Panik, wieder in die Klinik eingewiesen zu werden, gingen die Richter davon aus, dass die Beschuldigte nicht die Tötung ihrer Mutter angestrebt hatte – diese aber in Kauf genommen habe. «Ihr Verhalten war nur beschränkt kontrollierbar», führte der vorsitzende Richter aus.

Freiheitsstrafe von 30 Monaten

Gemäss dem Gutachten und dem Privatgutachten eines renommierten Psychiaters war die Tochter, die der Verteidiger als «zierliche Person mit einem Gewicht von 41 Kilo» bezeichnete, schuldfähig. Allerdings sei ihre Zurechnungsfähigkeit leicht bis mittel vermindert. Dies angesichts des schweren Rausches sowie der verminderten Impuls- und Aggressionskontrolle.

Bei vollendetem Totschlag wäre gemäss dem Gericht eine Strafe von sechs Jahren angemessen gewesen. Weil es sich aber um einen Versuch handelte, die Beschuldigte vermindert schuldfähig war und sich die Mutter nicht entfernt hatte, wurde eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten verhängt. Die Strafe wurde wegen der grossen Rückfallgefahr unbedingt ausgesprochen.

Diese Strafe muss sie aber nicht absitzen, wenn die zusätzlich angeordnete Therapie fruchtet. Das Gericht ordnete nämlich die Weiterführung einer Massnahme für junge Erwachsene an. Wie lange diese dauert, kann das Gericht nicht festlegen, das hängt davon ab, wie sich die junge Frau entwickelt und welche Fortschritte sie erzielt. Die Beschuldigte sagte dem Gericht, dass sie schon vieles erreicht habe: «Ich wünsche, die Chance zu bekommen, ein normales Leben zu führen. Einen Job zu haben mit einer ambulanten Therapie.» Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Jürg J. Aregger

juerg.aregger@zugerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.