Zugs erste Nationalrätin zu sein, ist für Manuela Weichelt «eine grosse Ehre»

Manuela Weichelt-Picard ist Zugs erste Nationalrätin. Sie erzählt vom intensiven Wahlkampf, kuriosen Geschenken und neuen Zielen.

Interview: Andrea Muff
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Das Jahr von Manuela Weichelt-Picard (52) begann mit einer, wie sie sie nennt, politischen Reinigung und endete mit der Wahl zur ersten Zuger Nationalrätin. Wir treffen die Politikerin der Alternative – die Grünen (ALG) im Freiruum in Zug. Zwölf Jahre lang sass sie in der Zuger Regierung, nun vertritt sie den Kanton im nationalen Parlament – eine spannende Zeit.

Manuela Weichelt-Picard im Freiruum in Zug.

Manuela Weichelt-Picard im Freiruum in Zug.

Bild: Stefan Kaiser (23. Dezember 2019)

Manuela Weichelt-Picard, Sie sind Zugs erste Nationalrätin. Was bedeutet das für Sie?

Manuela Weichelt-Picard: Es ist eine grosse Ehre für mich. Mir selbst wurde erst während des Wahlkampfes bewusst, dass der Kanton Zug 54-mal die Chance verpasst hatte, eine Frau nach Bern zu schicken. Ich freue mich daher sehr, dass ich Geschichte schreiben darf. Es ist mir wichtig auch jungen Frauen zu zeigen, dass man Politik mit Familie und Kindern kombinieren kann.

Denken Sie, die Erwartungen an Sie sind nun besonders hoch?

Das ist bestimmt so. Und ich möchte vor allem in den Bereichen Umwelt, Chancengleichheit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie etwas bewegen. Die hohen Erwartungen muss ich aber ein bisschen dämpfen, denn nach der ersten Session sieht man bereits, dass die Mehrheit im eidgenössischen Parlament leider immer noch gegen Verbesserungen im Umweltschutz stimmt.

Sie konnten jetzt schon ein paar Erfahrungen in Bern sammeln. Aber das Jahr 2019 hat eher ruhig begonnen.

Ja, das stimmt. Nach zwölf Jahren im Zuger Regierungsrat brauchte ich zuerst eine Auszeit, bevor ich schon wieder Pläne für die Zukunft machte. Also ging ich mit meinem Mann in eine zweiwöchige Ayurveda-Kur – ohne Kinder. Es war eine Art Abschied nehmen von der Zeit als Regierungsrätin. Danach verbrachte ich mit meinen beiden Töchtern– diesmal ohne meinen Mann – vier Monate in Neuseeland. Ein unvergessliches Abenteuer.

Haben Sie sich dort für eine Kandidatur entschieden?

Nein, ich wurde zuvor nominiert. Doch der Prozess, der zu dieser Entscheidung führte, war intensiv. Als mich meine Partei anfragte, winkte ich ab. Denn ich wollte mich damals nicht direkt in ein neues Amts stürzen. Aber je länger ich mit meinen Parteikollegen gesprochen habe, desto mehr verspürte ich Lust, für Bern zu kandidieren.

Und jetzt sind Sie froh, kandidiert zu haben?

Ja klar! Während des Wahlkampfes konnte ich mich immer mehr mit dem Amt identifizieren und natürlich wurde mit der Zeit die Hoffnung, den Sprung nach Bern auch tatsächlich zu schaffen, immer grösser.

Wie hat sich dieser Wahlkampf für Sie von den vorherigen unterschieden?

Er war für mich viel intensiver. Ich hatte viel Kontakt zu den Wählerinnen und Wählern und extrem viel positive Rückmeldungen erhalten. Für einige war es unverständlich, dass Zug noch nie eine Frau nach Bern geschickt hatte. Auch spürte ich, dass die Menschen jemanden wollen, der sich wirklich um die Umwelt kümmert. Bis heute – mehr als zwei Monate nach der Wahl – gratulieren mir Menschen auf der Strasse, wenn sie mich sehen. Das ist jedes Mal ein Riesenaufsteller.

Sie waren zwölf Jahre in einem Exekutivgremium tätig und jetzt sitzen Sie wieder in einem Parlament. Was ist anders?

Zum einen ist das nationale Parlament sehr unruhig – unruhiger als beispielsweise der Kantonsrat. Ich habe bereits drei Voten gehalten und ständig laufen Parlamentarier aus dem Saal und wieder in den Saal. Für jemand Neues wirkt das ein wenig unhöflich. Zum anderen schätze ich aber sehr, dass ich im Parlament meine eigene Meinung vertreten kann, anders als in der Exekutive, wo ich dem Kollegialitätsprinzip gehorchend die Mehrheitsmeinung nach aussen tragen musste.

Sie sind also im Parlamentsbetrieb gut angekommen.

Ja, definitiv. Es gab zu Beginn einige Kuriositäten. Zum Beispiel erhält man als Parlamentarierin viele Werbegeschenke – diese reichen von Powerbanks, über Suppen bis hin zu Unterhosen. Zudem wird man mit Einladungen geradezu überschwemmt. Während einer Session, die zehn Tage dauert, erhält man ungefähr 90 bis 110 Einladungen, die kann und will ich gar nicht alle annehmen. Auch wird man von diversen Lobbyisten aus dem Saal geholt. Meine zwei Badges habe ich übrigens bewusst noch nicht vergeben.

Wie sieht ihre Zukunft aus? Ihr Name fiel ja bereits im Bundesratskandidatenkarussell. Ist das ein Ziel?

Ich wurde tatsächlich von den Medien darauf angesprochen, aber für mich war Regula Rytz die absolut logische und richtige Kandidatin für die Grünen. Ich möchte im Bundeshaus erst einmal Erfahrungen sammeln, bevor ich mir eine allfällige Kandidatur überhaupt überlege.

Wie sieht das Jahr 2020 für Sie aus?

Es steht definitiv unter dem Motto Ankommen. Ich möchte in den beiden Kommissionen – in der Geschäftsprüfungskommission (GPK) und der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) – gute Arbeit leisten. Ich präsidiere die Subkommission Gerichte/Bundesanwaltschaft der GPK. Wichtig sind mir auch die bevorstehende Pflegeinitiative und deren Gegenvorschlag sowie die Konzernverantwortungsinitiative.

Aber jetzt geniessen Sie auch die freien Tage?

Ja, das werde ich zusammen mit meiner Familie tun, bevor im Januar die Kommissionsarbeit losgeht.

Manuela Weichelt-Picard (52) war von 1994 bis 2002 Kantonsrätin (ALG) und von 2007 bis 2018 Regierungsrätin. 2017/18 repräsentierte sie die Regierung als Frau Landammann. Im Herbst 2019 wurde sie als erste Frau für Zug in den Nationalrat gewählt. Manuela Weichelt-­Picard hat zwei Töchter und wohnt mit ihrem Mann in Zug.

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Andrea Muff