ZUG/SCHWYZ: Die hochstilisierte Schlacht

Herzog Leopold trifft am Morgarten auf die kampfbereiten Eidgenossen. Das Schlachtgemälde am Schwyzer Rathaus ist ein Meisterwerk dramatisierender Historienmalerei des 19. Jahrhunderts.

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Dramatisiert und stilisiert - auch wenn Ferdinand Wagners Schlachtgemälde am Schwyzer Rathaus vielleicht nicht dem wirklich Vorgefallenen entspricht; die Darstellung überwältigt. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Dramatisiert und stilisiert - auch wenn Ferdinand Wagners Schlachtgemälde am Schwyzer Rathaus vielleicht nicht dem wirklich Vorgefallenen entspricht; die Darstellung überwältigt. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Unser Kunstwerk befindet sich in Schwyz, wurde von einem Künstler aus Bayern geschaffen und steht doch mit dem Kanton Zug in direktem Zusammenhang. Erst recht im aktuellen Jahr, in dem sich die legendäre Schlacht am Morgarten zum 700. Mal jährt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Faszination, welche von der Morgartenschlacht über Jahrhunderte ausgegangen ist, jegliche Grundlage entzogen («Zentralschweiz am Sonntag» vom 11. Januar 2015). Man weiss lediglich, dass da am Ende des Ägerisees und/oder in der Schornen an der heutigen Grenze von Zug und Schwyz etwas vorgefallen sein muss. Was genau und wie es abgelaufen ist, weiss niemand. Sagen- und Legendenbildung haben den Zauber um die grosse Schlacht, in der sich die Eidgenossen erfolgreich gegen das feindliche Habsburgerheer behauptet haben, lebendig gehalten. Bis heute sollen jeweils am Jahrestag der Schlacht die im Ägerisee kläglich ertrunkenen Ritter als Geister aus den schäumenden, sich blutrot färbenden Fluten emporsteigen, auf ihren Pferden bis zur Kirche in Oberägeri reiten und dort wieder in den dunklen Tiefen verschwinden. Gesehen hat sie wohl noch keiner.

Die Faszination, welche unser «Hingeschaut!»-Fundstück auf den Betrachter ausübt, bleibt trotz aller ernüchternder Erkenntnisse ungebrochen. Das monumentale Wandgemälde am Schwyzer Rathaus ist der absolute Blickfang am frühbarocken Prachtbau aus dem 17. Jahrhundert, ja gar am ganzen Schwyzer Hauptplatz. Der Maler Ferdinand Wagner (18471927) schuf die Fassadenmalerei mit dem Schlachtgemälde im Jahre 1891. 600 Jahre Eidgenossenschaft – Schwyz war als Hauptaustragungsort der Feierlichkeiten bestimmt. Anlässlich dessen wurde das Rathaus mit der reichen Historienmalerei versehen, seither gilt es als einer der schönsten Ratsbauten der Schweiz.

Für die Ausführung wurden drei Künstler zu einem Wettbewerb eingeladen: Jakob Wüger aus Steckborn, Albert Wagen aus Zürich und der gebürtige Nürnberger Albert Freytag. Erstaunlicherweise unterzeichnete der verantwortliche Kantonsrat Adelrich Benziger mit keinem der drei Teilnehmer den Vertrag, sondern er wählte den genannten Ferdinand Wagner aus Passau. Benzigers Sohn August war auf Reisen mit der Mission, einen geeigneten Künstler zu finden. Er empfahl seinem Vater den Passauer Meister. Eigentlich nicht ganz fair den drei Wettbewerbsteilnehmern gegenüber.

Wagner war damals bereits ein geschätzter Maler, der sich mit bedeutenden Historien- und Dekorationsmalereien einen Namen gemacht hat. Das Schlachtgemälde und ohnehin die gesamte Aussengestaltung des Schwyzer Rathauses wurden in witterungsfester Mineralmalerei ausgeführt. Die Darstellung ist mit Sicherheit überdramatisierend, und offenbar hatte der Maler kaum genauere Ortskenntnis. Sehr theatralisch wirkt das Geschehen, verstärkt durch eine meisterhafte Tiefenwirkung. Dominierend in der Szene sind nicht die siegreichen Eidgenossen, sondern das sich aufbäumende weisse Pferd Herzog Leopolds. Die ganze Machart des Schlachtgemäldes in Schwyz ist typisch für die romantisierende Historienmalerei des 19. Jahrhunderts.

Die Schlacht am Morgarten oder was immer sich da am Rande des heutigen Kantons Zug überhaupt abgespielt hat – bleibt mit dem Gemälde am Schwyzer Rathaus auch nach 700 Jahren auf anschauliche Weise lebendig. Ob nun stark «idealisiert» oder nicht ...

Andreas Fässler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.