Zwei Zuger Schulleiter erzählen: Es gibt immer mehr Kompromisse im Klassenzimmer

Die Rolle des Schulleiters hat sich stark gewandelt. Zwei Zuger Schulleiter erzählen, weshalb sie inzwischen im Unterricht präsenter sind und warum ihre Arbeit heute deutlich mehr Fingerspitzengefühl erfordert als früher.

Laura Sibold
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Die Schulleiter Reto Kurmann (links) und Adrian Estermann im Baarer Schulhaus Marktgasse.

Die Schulleiter Reto Kurmann (links) und Adrian Estermann im Baarer Schulhaus Marktgasse.

Bild: Stefan Kaiser (12. Februar 2020)

Für die Schülerinnen und Schüler im Kanton Zug beginnt heute wieder der Unterricht. Zuständig für sie sind die Lehrpersonen, doch auch Schulleiter sind im Klassenzimmer inzwischen präsenter als noch vor zehn Jahren. So führen die Schulleiter regelmässig Gespräche mit den Lehrpersonen und besuchen den Unterricht. Bis 2009 übernahm das Schulinspektorat diese Aufsichtsfunktion, seither fällt diese Aufgabe den Schulleitern zu. «So haben wir einen direkten Alltagsbezug zu den Lehrerinnen und Lehrern und lernen die Klassen kennen», erklärt Adrian Estermann. Er ist Schulleiter der Baarer Schulen Marktgasse und Sennweid sowie Präsident des Verbandes der Schulleiterinnen und Schulleiter Zug.

Estermann betont, dass es beim Klassenbesuch nicht primär um Kontrolle der Lehrpersonen gehe. «Fast alle Lehrerinnen und Lehrer leisten sehr gute Arbeit. Nur in Einzelfällen tauchen Probleme auf, bei denen wir die Lehrpersonen begleiten und coachen.» Vielmehr nehme er bei Unterrichtsbesuchen als Schulleiter die Dynamik in einer Klasse wahr und könne so auch Denkanstösse geben. Der Baarer Schulleiter erklärt: 

«Die Klassenbesuche dienen oft als Frühwarnsystem und zeigen mir, wo ich genauer hinschauen muss.»

Darüber hinaus könne er Kinder, die neu in die Schule eintreten, besser einer passenden Klasse zuteilen, wenn er die einzelnen Schulklassen kenne.

Kurze Besuche haben sich in Zug etabliert

Diesen Eindruck bestätigt auch Reto Kurmann, Schulleiter der Sekundarstufe 1 in Hünenberg. Er sei oft auch bei den Elterngesprächen anwesend. «Wenn ich meine Aussagen da mit eigenen Erfahrungen aus dem Unterricht stützen kann, schafft das mehr Verständnis.» Strategisch festgelegt ist, dass ein Zuger Schulleiter eine Klasse alle zwei Jahre während insgesamt 1,5 Lektionen besucht. Diese Richtlinie entspricht jedoch nicht mehr dem Status quo.

Laut Estermann und Kurmann haben sich in vielen Zuger Schulen regelmässige, dafür kurze Unterrichtsbesuche eingependelt. Das sei keine verlorene Zeit, sondern diene Lehrpersonen und Kindern gleichermassen. Dies sei auch aus einem anderen Grund zentral, führt Estermann aus: «Wir müssen heute mehr Anspruchsgruppen gerecht werden als früher. So arbeiten wir heute nebst den Kindern, Eltern und Lehrpersonen auch mit dem schulpsychologischen Dienst, den Heilpädagogen, Sozialarbeitern und weiteren, auch ausserschulischen Partnern wie Gewerbeverband, Kesb oder Polizei zusammen.»

Mit der integrativen Förderung werden inzwischen auch Kinder mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen in der regulären Volksschule untergebracht. Das funktioniere gut, diese Kinder wie auch die betroffenen Lehrpersonen seien aber auf entsprechende Unterstützung durch Fachpersonen angewiesen, erklärt Kurmann.

Zwischen den verschiedenen Anspruchsgruppen die Balance zu halten, erfordert viel Fingerspitzengefühl. Jede gefundene Lösung ist ein Kompromiss, der nicht immer alle zufriedenstellt. «Manchmal sind wir schon unpopulär mit unseren Entscheidungen», gesteht Estermann.

Doch das sei Teil der Arbeit, denn Schulleiter seien gefordert, für jede Reiberei und jedes Problem eine Lösung zu finden. Das sieht auch Bildungsdirektor Stephan Schleiss so: Gemeinsam entwickelte Unterrichts- und Schulqualität müsse auch eingefordert werden. Dass dabei Spannungen auftreten können, sei selbstredend und Ausdruck davon, «dass etwas läuft».

Hohe Erwartungen als Herausforderung

Besonderes Konfliktpotenzial bergen die oft divergenten Erwartungen von Eltern und Lehrpersonen. Bekanntes Beispiel: Eltern wünschen sich, dass ihr Kind das Gymnasium absolviert, was sich jedoch bereits in der Primarschule als unrealistisch herausstellt. Manchmal reicht die schulische Leistung nicht aus oder das Kind passt aufgrund seiner Persönlichkeit besser in die geführte Sekundarschule.

«Den Eltern dann aufzuzeigen, dass ein anderer Weg für ihr Kind sinnvoller sei, ist nicht einfach», sagt Reto Kurmann. Die intensivste Arbeitszeit sei jedoch nicht jene während der Elterngespräche oder im Unterricht, sondern jene während der grossen Pause, betonen beide Schulleiter. In diesen 15 Minuten leisten die Schulleiter viel Beziehungsarbeit und sind eine beliebte Anlaufstelle für Schüler und Lehrpersonen.

Eine zunehmend wichtige Aufgabe des Schulleiters ist es im Weiteren, das Schulsystem an sich zu erklären. Eine Schule werde gerne hinterfragt und an den eigenen Schulerfahrungen gemessen, sagt Adrian Estermann. Mit der Gesellschaft hat sich aber auch das Schulsystem weiterentwickelt. «Bei einem Arzt, der vor 40 Jahren sein letztes Diplom absolviert hat, würde sich heute niemand mehr operieren lassen wollen. Ähnlich braucht es bei Schulen und Lehrpersonen stetige Modifikationen und Weiterbildungen», erklärt Estermann. Die regelmässigen Unterrichtsbesuche und die Lösungssuche mit den unterschiedlichen Anspruchsgruppen sind ein Teil davon.